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Diane KelderDie großen Impressionisten
Isolation und neues SuchenCézanne hatte sich mit der Impressionisten-Gruppe
nie wirklich wesensverwandt gefühlt; als die politischen und ideologischen Differenzen, die sie bedrängten und aufspalteten, am Ende der achtziger Jahre ihren Höhepunkt erreichten, zog er sich mehr und mehr in die
Provence zurück. Dort rang er mit dem Problem, das zum Brennpunkt seiner Kunst werden sollte: der Herausbildung eines absolut geschlossenen und eigenständigen malerischen Darstellungssystems. Er beschloss, »in der
Stille zu arbeiten bis zu dem Tag. an dem ich in der Lage sein werde, die Ergebnisse meiner Anstrengungen in der Theorie zu verteidigen«. Sein scharfer Intellekt, sein Formgefühl und sein Instinkt für die
Herausforderung fanden die impressionistische Ästhetik allzu vereinfachend und verallgemeinernd. Er sah sich außerstande, sie mit seinem starken Bedürfnis nach Solidität und tektonischer Stringenz zu vereinbaren:
»Alles, was wir sehen, schmilzt also dahin? Die Natur bleibt sich immer gleich, aber nichts in ihr hat Bestand, soweit wir sehen können. Unsere Kunst muss das Gefühl ihrer Dauer vermitteln, muss uns fühlen
lassen, dass sie ewig ist.« Gegen die Philosophie des Impressionismus mit seiner Abwertung der
Lokalfarbe, seiner Betonung der spontanen Wiedergabe ohne den dazwischen geschalteten Intellekt, mit seiner Absage an die malerische Struktur durch das
Einhüllen der Gegenstände : in Volumen-auflösendes Licht, stellte Cézanne die Analyse und die Überlegung, das »Studium« der Natur durch den konstruktiven
Einsatz der Farbe. Seine Methode, Farben in Kontrast zu setzen und abzustufen, schuf ein Licht, das sowohl das Ergebnis als auch die Voraussetzung für die Festigkeit und Klarheit der Gegenstände sein konnte. Er
erklärte seine Vorstellungen von der Rolle des Malers:
Zwei Dinge machen den Maler aus: das Auge und der Geist. Eines sollte dem anderen helfen. Es ist notwendig. beide zu entwickeln, das Auge
durch die Beobachtung der Natur, den Geist durch die Logik in Beziehung gesetzter Empfindungen; durch sie erhält man die Ausdrucksmittel.
Cézanne nahm nun ein strenges Programm in Angriff, das im Zeichen einer ständigen Analyse der malerischen Elemente und ihrer Neubewertung stand. Das Bild Häuser in l’Estaque
verdeutlicht einige dieser Tendenzen. Der Pinselstrich – kurz abgesetzt, abrupt und äußerst mannigfaltig - schafft einen Rhythmus, der durch die geometrische Gestaltung der auf ihre essentielle Form
reduzierten und als Farbflächen erscheinenden Häuser noch verstärkt wird, Diese Formen, zusammen mit den kraftvollen vertikalen Pinselstrichen im Vordergrund, die ein bisschen unbemalte Leinwand durchscheinen lassen,
binden das räumliche Dasein des Bildes an seine zweidimensionale Fläche. Der so entstandene Raum ist nicht im gewöhnlichen Sinne illusionistisch; er
existiert nicht a priori, sondern entfaltet sich über die ganze Leinwand hin. Cézanne war sein Leben lang damit beschäftigt, seine experimentelle Raumauffassung weiterzuführen und auszuarbeiten; das mündete unentrinnbar
in die formale Abstraktion des Raumes. In den achtziger Jahren eignete er sich eine neue, regelmäßigere Pinselschrift an, die .sich aus parallelen Strichen
zusammensetzt und durch Farbunterschiede ein neues Gefühl des Tiefenraums von sich vorschiebenden und zurückweichenden Flächen vermittelt. Für Cézanne war jedes Bild Ausgangspunkt neuen Suchens, ein Prozess der
Erforschung und des Experimentierens mit dem visuellen Feld vor seinen Augen. Schon während er malte, war er sich der Konsequenzen für die Entwicklung des Bildes bewusst;
denn jedesmal, wenn er ansetzte, einen Aspekt zu formulieren, wurde dessen Zusammenhang mit anderen, noch unvollendeten Abschnitten und sein Einfluss
auf diese durchdringend augenfällig. Jedes auf die Leinwand gesetzte Zeichen bestimmte das folgende, so dass der endgültige Charakter des Gesamt-Sujets
aus einem sich Stück für Stück entwickelnden Netzwerk von Linien und Farben erstand. Die neue Bildräumlichkeit In den achtziger Jahren drückte sich Cézannes Auffassung von der Form als
elementares geometrisches Aufbauelement wiederholt und eindringlich aus. In dem unvollendeten Bild Gardanne, der Ansicht eines auf einem steilen Hügel
gelegenen Dorfes bei Aix, sind die Flächen, aus denen sich Bäume und Gebäude gestalten, sorgfältig geschichtet und geben so die strukturelle Vertikalität des
Ortes in einer Metapher des konstruktiven Malvorgangs wieder. In einer anderen Arbeit dieser Zeit, Blick auf den Golf von Marseille von l’Estaque aus,
wählte der Maler ein ganz anders geartetes Motiv von panoramischer Breite und räumlich komplexem Charakter. Er hatte diese Ansicht zum ersten Mal im
Sommer 1876 gemalt und beschrieb seine Reaktion auf sie in einem Brief an Pissarro:
Es ist wie eine Spielkarte. Rote Dächer vor dem blauen Meer... Die Sonne ist hier so fürchterlich, dass mir scheint, als ob alle Gegenstände
sich als Silhouetten abhöben, und zwar nicht nur in Schwarz und Weiß, sondern in Blau, Rot und Violett. Ich kann mich täuschen, doch scheint mir, als sei dies das Gegenteil von Modellierung…
Diese Worte belegen das erweichende Interesse des Malers an der zweidimensionalen Gestaltung und an der neuen Rolle der Farbe bei der
Schaffung der Bildräumlichkeit. Es genügt, diese Ansicht mit einem Thema Monets. der weit früher geschaffenen Terrasse in Sainte-Adresse – die einen
ähnlichen Blickwinkel und ähnliche kompositionelle Komponenten besitzt – zu vergleichen, um zu begreifen, wie dramatisch Cézanne mit der flüchtigen Welt
des Impressionismus gebrochen halte. Die Klarheit von Cézanne Werk spiegelt die Suche des Malers nach dem Sinngehalt und der Ordnung in der Natur:
gleichzeitig entfernt er sich mit diesem Bild von der zwanglos-zufälligen Protokollierung der Erscheinung und wendet sich der analytischen Meditation
zu. Die Luftperspektive war Cézanne fremd; die Berge im Hintergrund sind ebenso deutlich und klar wiedergegeben wie die Gegenstände im Vordergrund, die Textur ist durchweg gleichmäßig. Obwohl die Konturen der Häuser im
Zusammentreffen zweier Farbflächen klar umrissen sind, wirkt die Nahtstelle mehr als Überleitung denn als Trennung. Die intensiv blaue Fläche des Meeres zwischen dem intensiven Ocker der Erde und den gedämpfteren
Farbtönen von Himmel und Bergen zwingt uns, die Komposition als Anordnung farbiger Formen auf einer Fläche zu lesen. Wenngleich Meyer-Schapiro einräumt, dass Fotografien Cézannes Respekt für die Wirklichkeit eines Sujets beweisen, argumentiert er:
die sichtbare Well ist auf Cézannes Leinwand nicht einfach dargestellt. Sie wurde durch farbige Pinselstriche wiedererschaffen, und unter diesen
Strichen befinden sich viele, die wir nicht einem bestimmten Gegenstand zuordnen können und die doch für die Harmonie des Ganzen notwendig sind…
Das Vermächtnis Cézannes In den letzten sieben Lebensjahren Cézannes errang sein Werk internationalen Ruf. Sieben seiner Bilder wurden in der Gruppenausstellung der Sezession in
Wien gezeigt, und 1904 hatte er in Brüssel und Berlin Einzelausstellungen. Im gleichen Jahr war seinem Werk ein Raum im Salon d’Automne in Paris gewidmet.
Ein Jahr nach seinem Tod, der 1906 eintrat, fand eine Gedächtnisausstellung mit sechsundfünfzig Ölgemälden im Salon d'Automne statt, und in der Galerie
Bernheim-Jeune wurden neunundsiebzig Aquarelle gezeigt. Nun erst hatten die Pariser Gelegenheit, seine Leistungen zu beurteilen. Die Bedeutung der Gedächtnisausstellung als Zusammenschau von Cézannes Lebenswerk wurde
von derjenigen des Katalysators neuer plastischer Ausdrucksformen überschattet. Cézanne selbst hatte das Zukunftsweisende seiner Arbeiten erkannt, als er an den Kunsthändler Ambroise Vollard schrieb: »Ich arbeite
verbissen; denn ich beginne, das Gelobte Land zu sehen. Wird es mir gehen wie dem großen Hebräer, oder werde ich es betreten können? Wenn Cézanne Moses war, dann hatte er nicht nur einen, sondern zwei
Josuas: Georges Braque (1882-1963) und Pablo Picasso (1881-1973). Durch sein Beispiel angeregt, sollte ihr Schaffen schließlich die Kunst des zwanzigsten
Jahrhunderts in Regionen führen, in denen Cézanne mit seiner tiefen Bindung an die natürliche Welt niemals hätte verweilen wollen. Zu der intensiven Emotionalität und dem dekorativen Symbolismus, von denen
der Nach-Impressionismus beherrscht wurde, bot Cézanne eine konstruktivistische Alternative. Picasso hatte begonnen, die Aussage von Cézannes Schaffen in seine Arbeit hineinzunehmen. Das bezeugt zum Beispiel das Bild
Junge mit Pferd (1902), das er malte, nachdem er einige von Cézannes Leinwänden bei Vollard studiert hatte. Anders als Braque, der sich Cézanne durch die radikale Weiterführung seiner neuen Bildräumlichkeit
annähern sollte, benutzte Picasso das Beispiel des Meisters in Verbindung mit weitab liegenden Quellen wie der iberischen, ägyptischen und der schwarzafrikanischen Skulptur. Seine Demoiselles d’Avignon
mögen zu Beginn eine Art Huldigung an Cézannes Badende gewesen sein, aber die strenge Farbgebung und die verzerrten Formen machen einen entscheidenden Bruch
mit der klassischen und der humanistischen Tradition deutlich, in die das Thema doch eigentlich eingebettet ist. Der Großteil von Cézannes Werken hat einen stark vertikalen Bildaufbau mit
hohen Horizonten, flachem Hintergrund und mit entfernt liegenden Objekten, die mit derselben Klarheit und Vollständigkeit gemalt sind wie die im
Vordergrund befindlichen. Die wichtigste Neuerung für seine jüngeren Anhänger war die Abschaffung der Einzelperspektive, des einen Blickwinkels. Viele seiner
Bilder sind wie aus verschiedenen Augenhöhen und von verschiedenen Blickpunkten aus gemalt. Dies war ein Ergebnis aus Cézannes Vorstellung der
dynamischen Bildkonstruktion, die ein neues Gefühl für die Eigenwelt des Bildes verlangte, sowohl in zeitlicher als auch in räumlicher Hinsicht. Er wurde sich
dessen bewusst, dass man die Elemente eines Bildes sowohl sukzessive wie auch simultan sah, der Betrachter konnte sozusagen um ein Objekt herumsehen. Diese vielfältigen Blickpunkte wurden zur Einheit verschmolzen
durch Cézannes Konzeption des totalen Bildes, in dem jedes Element - Objekt oder Leerstelle - an jedes andere gebunden ist. In Verbindung mit der von ihm
angewandten Verzerrung und dem »Übergang« von einer Fläche in die andere eröffnete dieser Schritt eine ungemessene Freiheit und unendliche Distributionsmöglichkeiten von Formen auf der Leinwand und mündete letztlich
in Picassos Epochemachendes Werk. In einem Interview erkannte Picasso Cézannes Einfluss voll an: »Als wenn ich Cézanne nicht kennen würde! Er war mein einziger Lehrmeister! Glauben Sie,
ich hätte mir seine Bilder nicht angesehen? Ich habe Jahre damit verbracht, sie zu studieren… Das gilt für uns alle - er war wie unser Vater«. Das Bild Les Demoiselles d’Avignon
übernimmt Cézannes fließenden Blickwinkel. Die Figuren, teilweise von späteren Studien für die Badenden entlehnt, sind von der Grundfläche aus und von unten gesehen, Köpfe, Nasen und Augen sind
zugleich im Profil und en face gegeben. Der Tisch und die Schale mit Früchten sind nach vorn, dem Betrachter entgegen, gekippt, und die stilisierten Körper
der Frauen scheinen in ihre konstituierenden Flächen zerschnitten, jedoch nicht geschieden von den Flächen des umgebenden Feldes. Der gleiche Effekt lässt sich bei Braques Akt aus demselben Jahr beobachten. Braques Übernahme von Cézannes visuellem Erbe brachte ihn dazu, den Schritten des Meisters buchstäblich zu folgen - bis in die Provence. In den
Jahren 1907/8 malte er dort eine Gruppe von Landschaften und reduzierte dabei die natürlichen und künstlichen Dinge zu essentiellen geometrischen Formen. In Straße bei l’Estaque
(1908, S. 423) teilt er dem Raum Energie mit, indem er den Intervallen zwischen den Objekten dieselbe Bedeutung zumisst wie den Objekten selbst. Er setzt einen hohen Horizont, flacht die
topographischen Merkmale ab und schafft so die Vertikalität der Komposition. Durch den starken Schuh und den abrupten Abfall der Straße vermittelt er weniger den Eindruck eines Zurücktretens als eines Herabfließens und
Hinausfließens in den Raum des Betrachters. Als seine Bilder von der Jury des Salons von 1908 zurückgewiesen wurden, beschloss Braque, sie in der Galerie
von Daniel-Henry Kahnweiler zu zeigen, der später zum wichtigsten Händler der neuen Kunst werden sollte, die Braque und Picasso soeben ins Leben riefen.
Der Kritiker Louis Vauxcelles nannte die Werke, die er dort sah, »kubistisch«. Zwei andere Anliegen Cézannes, die zu wichtigen Elementen in den formativen
Jahren des Kubismus wurden, waren seine Reduktion der Gegenstände auf ihre rudimentären geometrischen Formen und die »unbegrenzten« Dimensionen einiger seiner letzten Bilder. Beide finden sich in Picassos
Stilleben: Brot und Obstschale auf einem Tisch ebenso auch der hohe Horizont, der den Tisch planparallel zum Bildrahmen setzt, Cézanne wurde nie müde, zu wiederholen:
»Alles in der Natur folgt der Form von Zylinder, Kugel und Kegel. Man muss nur lernen, nach diesen einfachen Formen zu malen.« Er hielt sich nie an diese Maxime, aber das Wort wurde in Kreisen der Avantgarde Anfang des
Jahrhunderts in Umlauf gebracht und übte beträchtliche Wirkung aus (obwohl man sich mehr im Geiste als in der Praxis daran hielt). Cézanne betrachtete einige seiner Spätwerke als unvollendet und begründete den Mangel an
»réalisation«:
Jetzt, da ich alt bin, fast siebzig, sind für mich die Eindrücke der Farben, die Licht geben, der Grund der Abstraktionen, die mir nicht erlauben,
meine Leinwand völlig zu bedecken oder die Abgrenzungen der Gegenstände weiterzuführen dort, wo ihre Kontrapunkte fein und zart sind; daraus ergibt sich, dass mein Bild unvollendet ist.
Im Jahre 1906 schrieb Jean Royère: »Dieser Maler, der die Natur bis zur Zerlegung von Farben, Tönen und Licht analysierte, bemühte sich gleichzeitig
um eine so erhabene Synthese, daß er sie nicht erreichen konnte…« Indem er viele Leinwände mit unbearbeiteten Stellen beließ, lenkte Cézanne die
Aufmerksamkeit auf den Prozess des Malens selbst, eine Idee, die bei Picasso großen Anklang fand. Er identifizierte sich völlig mit Cézannes Ringen um den
vollen Ausdruck seiner Vision und ging einen Schritt weiter, indem er diese Idee als Teil des Malvorgangs systematisierte und in ihn einbezog: Von den drei
Brotlaiben in dem Stilleben mit Brot und Früchten ist einer glatt und vollendet, der andere grob modelliert, und der dritte hat nur seine Grundierung.
Cézannes Neigung, seine Leinwände unvollendet zu belassen, ist ein Aspekt in einem größeren Zusammenhang, der die frühen Kubisten beschäftigte. In ihrer
Abkehr von der Abbildung verschoben sie nach und nach den Vorwurf der Malerei von der Natur aufprägen des technischen und künstlerischen Verfahrens. Der Dichter Guillaume Apollinaire beschrieb diese Thematik als
»neue Strukturen, aus Elementen geschaffen, die nicht der visuellen Realität entstammen, sondern der Wirklichkeit des intellektuellen Wissens«. Sie verkünden ein Reich der Abstraktion weitab von dem quälenden und
leidenschaftlichen Dialog, den Paul Cézanne mit der Welt der Natur vierzig Jahre lang geführt hatte. [Zurück] |