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Manfred Fath und J. A. Schmoll, gen. Eisenwerth (Hrsg.) Auguste Rodin Das Höllentor – Zeichnungen und Plastik
Edmond de Goncourt (1896) Journal. Mémoires de la vie littéraireVon seinem Atelier am Boulevard de Vaugirard führt
uns Rodin zu seinem Atelier in der Nähe der École Militaire, um uns sein berühmtes Portal für das künftige Palais des Arts Décoratifs zu zeigen. Auf den beiden riesigen Türfeldern ein einziges Drängen, Wirbeln, Strudeln
von Formen – Gebilde wie verkrustete Schichten von Korallen. Aber dann, nach einigen Sekunden, schält der Blick aus dem Gewirr des ersten Eindrucks die Vorsprünge und Vertiefungen, die Buckel und Höhlungen einer ganzen
Welt köstlicher kleiner Aktfiguren, die gleichsam belebt und bewegt sind und sich in regster Betriebsamkeit befinden. Dieser Bewegungs- und Spannungsreichtum der Plastiken Rodins ist Michelangelos Jüngstem Gericht
verpflichtet oder von bestimmten Menschenmengen, wie sie sich in Delacroix’ Gemälden drängen, inspiriert – und das mit einer unvergleichlichen Reliefauffassung, die allein Dalou und er zu verwirklichen wagten.
Anatol France (1900) DAS HÖLLENTOR Erinnern Sie sich der zur linken Gottes platzierten Verdammten auf dem schönen Portal [der Kathedrale] von Bourges. In diesen Darstellungen
der theologischen Hölle werden die Sünder vom gehörnten Teufel mit zwei Gesichtern heimgesucht, von denen eines – mit Bedacht – nicht auf ihren Schultern ruht. Derartigen Monstern werden Sie in der Hölle Rodins nicht
begegnen. Hier gibt es keine Dämonen mehr, oder wenn doch, so verbergen sie sich im Innern der Verdammten. Die gefallenen Engel, unter denen diese Männer und Frauen zu leiden haben, das sind ihre Passionen, ihre
Leidenschaften, ihre Hassgefühle, das ist ihr Fleisch und ihr Denken. Diese Paare, „die so leicht im Wind treiben“, schreien es heraus: – Unsere Folterer, die uns auf ewig martern, sind in uns. In uns selbst tragen wir
das Feuer, das uns verbrennt. Die Hölle, das ist die Erde, das menschliche Dasein, das ist der unaufhaltsame Ablauf der Zeit, das ist dieses ganze Leben, in dem man unaufhörlich stirbt. „Die Hölle der Liebenden, das
ist das verzweifelte Bemühen, das Unendliche in einer Stunde gerinnen zu lassen, das Leben in einem jener Küsse anzuhalten, die doch bereits von seinem Ende künden; die Hölle der Wollüstigen, das ist die Erniedrigung
des Fleisches inmitten der ewigen Freuden und des Triumphs des Menschengeschlechts.“ Auch wenn man gar nicht weiter danach sucht, was dieser erhabene Bildner eigentlich sagen wollte, wird man nicht umhin können, diese
Traurigkeit und diese Schmerzen aus dem Werk eines Meisters herauszulesen, der es verstanden hat, die geradezu spürbare Ermüdung des Fleisches, an dem die Bewegung ständig arbeitet und das vom Leben unaufhörlich
verzehrt wird, mit unvergleichlicher Kraft auszudrücken. Und voller Anteilnahme entdecke ich, dass die Hölle Rodins nicht mehr die Hölle der Rache ist, sondern eine Hölle des Zartgefühls und des Erbarmens. [Zurück] |