Im Frühling, wenn die Wildblumen zu neuem Leben erblühen und die Schmelzwasser die Pistazienpflanzungen tränken, wenn die große Ebene von
Fars, die alte Persis der klassischen Autoren, köstliche Frische atmet, dann ist es an der Zeit, Persepolis zu besuchen.Die Straße windet sich an den gelben Hügeln entlang, die im Schein der
untergehenden Sonne erglühen. Große Felswände erglänzen im Licht wie Flammen aus Stein. Während das Auge sich an einen kristallklaren weiten Himmel und einen endlosen Horizont gewöhnt, taucht in der Ferne ein weithin
sichtbarer Hügel auf, dessen Anblick an eine ausgebrannte Schloßruine erinnert. Ein paar verlorene Säulen heben sich ab vom stahlblauen Himmel wie Palmen in einer einsamen Oase. Dennoch ist die Terrassenanlage in ihrer
ganzen Ausdehnung erkennbar und nach Jahrzehnten von Ausgrabungen strahlt Persepolis noch immer etwas von seiner einstigen Größe und Erhabenheit aus.
Um der Nachwelt seinen legitimen Anspruch auf die Königswürde zu
übermitteln, ließ Darius I. (522-486 v. Chr.) 517 v. Chr. seinen Sieg über jene Könige seines Reiches (die »Lügenkönige«), die ihn verraten hatten, in eine
Felswand in Bisotun einmeißeln. Diese Inschrift ist das seltene Zeugnis eines geschichtlichen Ereignisses. Darius beschließt zunächst, sich in Babylon
niederzulassen, wählt dann aber 521 v. Chr. Susa als Hauptstadt. Kurze Zeit später plant der Eroberer den Bau einer neuen Metropole im Zentrum seines
Herkunftsgebiets, der Ebene von Marv Dasht in der Fars – Persepolis. Er verzichtet auf Pasargadae, bislang Hochburg der Dynastie des Kyros, bewahrt
aber ein Heiligtum in dieser Stadt, das bis zum Ende des Königreiches der Krönung der Achaemenidenkönige geweiht ist. So können Darius und seine Nachfolger den Winter in Susa, den Sommer in Ekbatana, der alten medischen
Hauptstadt, den Herbst in Persepolis und den Rest des Jahres in Babylon verbringen.
Eine offizielle höfische Kunst
Als vielseitiger Monarch fördert Darius von Anfang an eine auf Werkstätten und Schulen gestützte Kunst, ähnlich der seines Vorgängers Kyros. Er verleiht
ihr offiziellen Charakter und legt ihre Normen fest, die bis zur Ankunft Alexanders des Großen unverändert bleiben. Diese ideologisch ausgerichtete Kunst verherrlicht den von seinen Untertanen umgebenen Herrscher; sie
»inszeniert« die Parade der unterworfenen Völker, die in den offiziellen Texten erwähnt und in Persepolis dargestellt werden, mit großer Liebe zum genau wiedergegebenen ethnischen und geographischen Detail.
Außer einigen seltenen in Stein gemeißelten Zeugnisse der Heldentaten des Darius weist die achaemenidische Kunst kaum Kultstatuen auf, verweigert sich
dem Anekdotischen, meidet das Spontane, macht keine Anspielungen auf die Glaubensvorstellungen der unterworfenen Völker und zeigt kein einziges weibliches Wesen, mit Ausnahme einer von den Susianern an der Leine
geführten Löwin auf dem Treppenrelief des Apadana von Persepolis.
Die altiranische Kunst weist eigentümliche Wesenszüge auf. Sie stellt sich in
den Dienst der imperialen Macht, schließt die Darstellung des nackten Körpers aus und zeigt den Menschen in Ausübung seiner Macht oder im Akt seiner
Unterwerfung. Darüber hinaus wandten sich die persischen Künstler bewusst von der griechischen Kunst der naturalistischen Wiedergabe von Leben und
Bewegung ab und einer orientalisch inspirierten Kunst symbolhafter Dekoration zu. Auffällig an ihren Ausdrucksformen ist das Fehlen der dritten Dimension, die
Profilansicht der Figuren, die konventionelle Methode der Isokephalie (die Köpfe sind ohne Rücksicht auf Größenunterschiede auf gleicher Höhe angeordnet), was zu beinahe eintönigen und starr-ornamentalen Reihungen
führt. Ihren genialsten Ausdruck findet jedoch die Baukunst in ihrer grandiosen Architektur und einem reichen skulptierten Dekor.
Die neuen Hauptstädte Persiens wurden von den Königen erbaut, damit ihre
Name nicht in Vergessenheit gerieten. Diese Könige achteten Sprache und Institutionen der Vasallenvölker ihres Reiches, erwarteten jedoch von ihnen treue Gefolgschaft und Dankbarkeit gegenüber einem Staat, den sie kaum
kannten, dem sie aber Gehorsam erwiesen. Mit diesem Ziel vor Augen verkörperte Persepolis die Einheit des um seine drei Hauptachsen – die Armee, den Hof und die Untertanen – organisierten Reiches.
Eines der Basreliefs von Persepolis mit der Darstellung des königlichen Throns, der von verschiedenen, an ihren Trachten kenntlichen Repräsentanten der von Darius regierten Völker getragen wird, enthält die Inschrift:
»Wenn du dich nun fragst, über wie viele Länder König Darius herrschte, dann betrachte die Skulpturen (derjenigen), die seinen Thron tragen, dann wirst du
wissen, wie weit der Speer eines Persers reichte, dass der Perser weit von Persien gekämpft hat.«
Isfahan, ein Paradies auf Erden
Frischer und süßer
als die Rosen von Isfahan in ihrem Moosbett
der Jasmin von Mossul, die Orangenblüten
duftet dein sanfter Atemhauch,
o weiße Leila.
Leconte de Lisle – Poèmes tragiques
Isfahan ist eine jener in Rosen getauchten Traumstädte, die uns ab und zu in dieser Welt begegnen und deren Namen man flüstert wie den eines geliebten
Wesens. Die »smaragdene Vision« ihrer Kuppeln und die Flut ihrer Rosen verdanken wir dem Ursprung allen Lebens, dem Wasser, das den rauhen Boden tränkt und dem Menschen Augenblicke mystischer Ekstase oder ästhetischen
Vergnügens schenkt.
Isfahan (oder Esfahan) erlebte seine Glanzzeit im 17. Jahrhundert. Mit seinen indigoblauen Kuppeln, den Minaretten »aus waschechtem Emailblau« (Pierre
Loti), den Brücken-Stauwehren mit fein ziselierten Arkadenbögen, den Taubenschlägen, die wie Donjons aussehen, ist es ein Zaubergarten von Myrrhe und Jasmin. Die Stadt ist die Inspiration der Dichter und Kalligraphen
und das Wunder ihres Schaffens. Der für alles Erlesene schwärmende Apollinaire meinte zu recht: »Isfahan – wegen des Dufts deiner Rosen hätte ich eine noch viel weitere Reise unternommen«.
Die von den vielfältigen Aspekten Isfahans begeisterten französischen Reisenden, Händler und Wissenschaftler übertrafen einander an Lobeshymnen. Sie nannten Isfahan »eine bewunderungswürdig schöne Stadt« (Jean Chardin),
»eine Stadt von großer Flächenausdehnung« (Jean-Baptiste Tavernier), »die Stadt der Minarette, die ihre eleganten Spitzen in die Luft erheben« (Pascal
Coste), »eine von Gärten umgebene Stadt voller Baumgruppen, die die Kuppeln zahlreicher Monumentalbauten überragen« (Gobineau), »einen Wald und eine Stadt« (Loti).
Diese erfahrenen Beobachter waren verblüfft über die Fülle der um die Stadt gelegenen Obstgärten, die mit den schönsten Aprikosen, Melonen und Trauben
von ganz Persien aufwarten konnten und staunten über den Reichtum der kleinen Puppen-Gärtchen in den mit glasierten Kacheln verkleideten Höfen. Diese Chronisten wußten offenbar nicht, daß Isfahan nach dem Vorbild eines »
paradeisos« im esoterischen Sinn des Wortes konzipiert worden war und daß es lange Zeit hindurch in den Augen jedes Iraniers und nach den Worten seines Schöpfers Shah Abbas »nesf-é djahan
« – die Hälfte der Welt« bedeutete.
Viele Kunststädte, selbst wenn sie nicht von einem einzigen Mann erbaut wurden, bleiben uns als Werk eines Einzelnen in Erinnerung: Florenz als Werk
Lorenzos des Prächtigen, Samarkand als Leistung Tamerlans. Und Isfahan, das bereits im 11. Jahrhundert von den Seldjuken verschönert worden war, sollte von Shah Abbas, der ein Mann von großem Geschmack, aber auch ein
»aufgeklärter« Monarch war, zum Ideal erhoben werden. Er erfand die Stadt gewissermaßen neu und verhalf seinem Land zu einem neuen künstlerischen Aufschwung, mit dem Ergebnis, daß dieses »monumentale Märchen« alle
Besucher in Bann schlug.